Doping im Amateurradsport

Da sich gerade mein ein paar Jahre alter Artikel über das Postalmbergrennen 2013 in den Top Beiträgen rechts ganz nach oben arbeitet (Top Ergebnis auf Google, wenn man nach „Nösig Doping“ sucht) und allgemein in das Thema seit dem letzten halben Jahr ordentlich Bewegung hinein gekommen ist, es aber nirgends eine Sammlung mit Links und Infos gibt, versuche ich hier die interessantesten Fakten (mit Bezug auf Österreich bzw. den Alpenraum) zusammenzutragen.

2010 – 2014

Ich bin 2010 mein erstes Rennen gefahren, hatte davor – ausser als interessierter Zuschauer von Tour de France, Giro & Vuelta – wenig mit Radsport zu tun. Natürlich bekommt man die Dopingprobleme im Profibereich mit, aber wie es damit im Amateurbereich aussieht, war mir völlig fremd. Daran hat sich im Laufe der Jahre auch nicht viel geändert, ausser dass einem laufend Gerüchte zugetragen werden und man bald einmal mitbekommt, dass das Thema Doping auch bei den Amateuren allgegenwärtig ist. Vor allem durch die Einstellung „Letzte Woche/Monat/Jahr habe ich XYZ noch abgehängt und jetzt ist XYZ schneller als ich. Der muss was genommen haben!“. Das wird dann über 3 Ecken weitererzählt und irgendwann hat jeder von jedem schon einmal gehört, dass er gedopt ist.
Wie es wirklich damit steht bleibt großteils verborgen, unter anderem weil scheinbar nicht oder nur wenig getestet wird. Die Liste sanktionierter Fahrer laut ÖRV führt zwar einige Amateure, aber mir sind mit Ausnahme der Wachauer Radtage (ÖM Marathon) bzw. der UCI Amateur WM in Trento 2013, keine Rennen mit Dopingkontrollen aufgefallen. 2014 hat sich das geändert. Erstmals gab es Kontrollen und es hat auch gleich ein paar Fahrer erwischt und hier beginnt nun auch die Faktensammlung.

2014

Juni:
Bei der ÖM Amateur Strasse in Grafenbach bin ich gerade in den Startvorbereitungen für das Amateurrennen, als die ersten drei (Krebs, Baringer, Schwarzäugl – Ergebnisliste) und zwei zufällig geloste Fahrer des soeben zu Ende gegangenen Master I Rennens zum Dopingtest gerufen werden. Beim Amateurrennen gibt es keine Dopingtests.

August:
Der Tiroler Amateur Christoph Kluge schreibt auf seinem Blog einen Beitrag über Doping im Amateurradsport. Der Beitrag findet über Facebook auch den Weg in die Tiroler Tageszeitung und somit auch ein breites Publikum.

September:
Auch bei der ÖM Berg der Amateure (Ergebnisliste) finden Dopingtests statt.

November:
Die Ergebnisse der Tests der ÖM Strasse liegen vor. Die Österr. Anti-Doping Rechtskommision spricht am 3.11. eine Suspendierung für Michael Schwarzäugl und Günter Baringer aus. Bei beiden ist es zu Unregelmässigkeiten gekommen, die Proben sind mit „Surfactants“ (Seife, Waschmittel o.ä.) verunreinigt. Bei Schwarzäugl wurden zusätzlich noch „Etiocholanone“ (Doping mit Testosteron, Wirkung von Anabolika/Testosteron) gefunden. Er gibt danach die Einnahme eines unerlaubten Mittels („Hormonpräparat meines an Prostatakrebs erkrankten und mittlerweile verstorbenen Großvaters“) im bikeboard.at Forum offiziell zu.

Die Veranstalter der Centurion Challenge, bei der Schwarzäugl mit gefahren ist, reagieren prompt, streichen ihn aus ihren Ergebnislisten und hinterlassen folgendes Statement auf der Homepage: Die CENTURION Mountainbike Challenge steht für eine absolute Nulltoleranz gegenüber Doping! In allen Rennen der CENTURION Mountainbike Challenge wird allen Fahrern, egal in welcher Radsportsparte und egal welcher anderen Sportart sie wegen Dopingvergehens gesperrt sind, der Start verweigert.

Dezember:
Das Verfahren gegen Schwarzäugl ist abgeschlossen, er wird für 2 Jahre (bis 27.6.2016) gesperrt (Pressemitteilung der Anti-Doping Rechtskommision).

Robert Massot (Frankreich, 59), Sieger der M55-59 Kategorie (Ergebnisliste), wurde am 31.8.2014 bei der UCI Amateur WM 2014 in Laibach positiv auf Anabolika getestet und wird von der UCI vorläufig suspendiert (Liste der vorläufigen Suspendierungen).

2015

Jänner:
Neuerlich sorgt ein Bericht in der Tiroler Tageszeitung für Aufsehen. Es wird kein Name genannt („Name der Redaktion bekannt“). Der positive Test stammt laut TT von der ÖM Berg im September. Konkret fällt der Verdacht auf den Sieger Emanuel Nösig, der auch schon die ÖM Zeitfahren der Amateure im August gewonnen hat, beim Ötztaler Radmarathon 2014 Zweiter wurde und bei zahlreichen anderen Radmarathons Siege bzw. Podiums Platzierungen eingefahren ist.

Februar:
Der Verdacht wird durch die Veröffentlichung der überarbeiteten „Liste der sanktionierten Fahrer“ auf der Homepage des Radsportverbandes bestätigt: Suspendierung ab 1.2.2015 wegen Fundes von Furosemid + Anabol-androgenes Steroid – Testosteron (Wirkung von Anabolika/Testosteron, Wirkung von Furosemid). Das Verfahren ist, wie jenes von Günter Baringer, noch nicht abgeschlossen.

Gegenüber dem Tour-Magazin spricht Nösig davon, „dass er nur vergessen habe ein Medikament anzugeben und es keine leistungssteigernde Substanz sei.“. Die Pressemitteilung der Anti-Doping Rechtskommission wird etwas deutlicher: „Die Analyse dieser Probe ergab das Vorhandensein von verbotenen Substanzen, nämlich Furosemid und 5aAdiol und/oder 5bAdiol, wobei Furosemid als spezieller Wirkstoff für die Frage einer Suspendierung unerheblich ist.“ In einem weiteren Bericht des Tour Magazins wird versucht die Leistungssteigerung anhand seiner Zeiten beim Ötztaler Radmarathon von 2008 bis 2014 zu veranschaulichen.

Ernst Lorenzi, der Organisator des Ötztaler Radmarathons, reagiert in einer Stellungnahme gegenüber der Tiroler Tageszeitung prompt und kündigt an auch in Zukunft keine Dopingtests durchführen zu wollen: „Es werden auch weiterhin keine Dopingkontrollen von uns organisiert. Aber die Tester können jederzeit kommen.“ Seine Erklärung: Die Top drei zu testen bringe nichts, auch dahinter sei unerlaubte Leistungssteigerung möglich. Sein Credo: „Beim Ötztaler fährt jeder für sich alleine. Und wenn einer so blöd ist und sich hinmachen will, soll er das tun.“ Bis zum Ende seiner Suspendierung (oder Sperre) dürfe Nösig nicht bei ihm starten.

Die Veranstalter des Race Around Austria zeigen sich hingegen in einem Kommentar auf Facebook zufrieden damit einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. Michael Nußbaumer: „Nach all diesen Vorkommnissen bin ich richtig froh darüber, dass wir uns beim Race Around Austria dazu entschlossen haben, zu testen…. Klar kostets Geld (es ist aber keineswegs unleistbar), und ein möglicher positiver Test schadet medial, aber das ist alles Ansichtssache. Ein positiver Test ist vor allem ein Erfolg der Kontrolleinrichtung, er schützt die sauberen Sportler und er bereinigt die Szene.“

Mai:
Das Verfahren gegen Emanuel Nösig ist abgeschlossen: Vorhandensein des exogen verabreichten und verbotenen Wirkstoffs „5aAdiol“ und/oder „5bAdiol“ (S1.1b Anabol-androgenes Steroid – Testosteron) sowie des verbotenen Wirkstoffs „Furosemid“ (S5. Diuretika und Maskierungsmittel) beim In-Competition Test am 14.9.2014 führt zu einer 2 jährigen Sperre wirksam ab 1.2.2015 bis 31.1.2017 (Pressemitteilung der Anti-Doping Rechtskommission).

Wie die Tiroler Tageszeitung berichtet, wird nun auch beim Ötztaler Radmarathon über Dopingkontrollen nachgedacht.

Die NADA testet bei den Österreichischen Meisterschaften Strasse der Amateure sowie Master1 in Amstetten jeweils die Top 3 Fahrer. Als Zweiter bin auch ich dabei und absolviere erstmals eine Dopingkontrolle.

Juni:
Beim Glocknerkönig werden von der NADA Dopingtests an zumindest zwei österreichischen Athleten (Klaus Steinkeller und ein weiterer Fahrer) durchgeführt.

August:
Die Anti-Doping Rechtskommission veröffentlicht den Abschluss von Verfahren gegen die Fahrer Branko Grah (8 Jahre) , Christian Isak (2 Jahre), Werner Nindl (4 Jahre) und Christof Kerschbaumer (lebenslang) die allesamt wegen Vergehen (EPO, Testosteron, Weitergabe von Dopingmitteln…) aus den Jahren 2007-2009 gesperrt wurden. Von den gesperrten Personen ist mir persönlich nur Christian Isak (Zweiter beim Neusiedlersee Radmarathon 2014) bekannt. Branko Grah sammelte in den letzten Jahren einige Erfolge bei diversen Amateurrennen (Masters, Radmarathon, XC)Pressemitteilung der Anti-Doping Rechtskommission.

Ein paar Tage vor dem Ötztaler Radmarathon wurde bekannt, dass Roberto Cunico (ITA), der Sieger dieser Veranstaltung 2013&2014, beim Granfondo Sestriere am 2.8. einen positiven Dopingtest (EPO) ablieferte. Er wird daraufhin kurzfristig von der Startliste des Ötztalers gestrichen. Der Ötztaler Radmarathon selbst verkommt zu einer Farce: Es gewinnt Enrico Zen (ITA), der Schwager und Edelhelfer von Cunico, vor drei weiteren Italienern. Im Ziel erklärt er unter Tränen: „Schade, dass Roberto nicht hier ist“ (Tiroler Tageszeitung). Dopingkontrollen gibt es keine.

November:
Nun ist auch das Verfahren gegen Günter Baringer abgeschlossen. Die Anti-Doping Rechtskommission verkündet in einer Pressemeldung eine 2 jährigen Sperre bis 12.10.2016 wegen „unzulässiger Einflussnahme auf die Integrität und Validität der Probe (M2 1. WADA Prohibited List 2014), nämlich das Vorhandensein von „Surfactants“ (Tensiden) in erheblichem Ausmaß“. D.h. die Probe war mit Putzmittel/Seife verschmutzt und konnte nicht ausgewertet werden.

2016

März/April:
Bei den ersten Saisonrennen der Amateure in Leonding und Wels (Kirschblütenrennen) werden Dopingtests an einigen top platzierten Fahrern durchgeführt. Dabei wird bei Lukas Hofer (Sieger in Wels, 2. in Leonding) die unerlaubte Substanz Oxilofrin gefunden und er mit 9.5. vom ÖRV vorläufig suspendiert.

Juli:
Die Antidoping Rechtskommission spricht vorläufige Suspendierungen gegen Martin Walder (EPO, Cortison, Insulin, Eigenblutdoping, Glukoseinfusionen sowie Handel mit EPO und Testosteron) und Simon Schupfer (Cortison, Glukoseinfusionen) aus. Die beiden Osttiroler fuhren 2015 bei der Bike Transalp im Team auf den 12. Platz.

August/September:
Beim Ötztaler Radmarathon gibt es wieder keine Dopingkontrollen. Über den Sieger Bernd Hornetz ergießt sich der übliche Doping-Verdachts-Shitstorm (Mutanten im Ötztal, Der Traum des ÖRM und seine Gerüchteküche).

Anders beim Zeitfahrklassiker King of the Lake. Die Veranstalter heuern die NADA an und neben Sieger Igor Kopse werden auch Tobias Erler und Wolfgang Eibeck unmittelbar nach der Zielankunft zum Dopingtest gebeten. Wie sich 3 Wochen nach dem Rennen herausstellt hat Igor Kopse den Dopingtest verweigert, weil er ein unerlaubtes Medikament (Daleron Cold 3) gegen eine aufziehende Erkältung zu sich genommen hat und keinen positiven Test abliefern wollte. Dies begründet er im Detail in einem sehr ausführlichen Statement auf Strava (Da auf Strava etwas schwer aufzufinden habe ich den Text hier rauskopiert) noch bevor es eine offizielle Veröffentlichung der NADA gibt. Die Veranstalter reagieren prompt mit einem Statement auf Facebook in dem sie eine Ergebniskorrektur nach dem Abschluss des Verfahrens durch die NADA/SLOADO ankündigen. Auch die SLOADO reagiert rasch, spricht eine 4 jährige Sperre aus und erklärt das Verfahren als abgeschlossen. Er wird daraufhin aus den Ergebnislisten des King of the Lake gestrichen.

 

Auf Facebook hat sich zu diesem Beitrag eine umfangreiche Diskussion ergeben in der sich auch einige bekannte Namen aus der Österr. Amateurszene zu Wort gemeldet haben.

Links:
Liste der sanktionierten Fahrer – Österr. Radsportverband
Liste der vorläufig sanktionierten bzw. gesperrten Sportler – NADA
Listen der vorläufig sanktionierten bzw. gesperrten Fahrer – UCI / Weltverband
Pressemitteilungen der Österr. Anti-Doping Rechtskommision
Dopingfälle im Radsport – Wikipedia

P.S.: Meine persönliche Meinung zu Doping im Hobbysport ist hier zwar nicht relevant, falls es doch wen interessiert hier ein Link dazu.

8 comments

  1. Manfred Stangl

    Welche Leiden sie sich fürs spätere Leben dadurch einfangen (meistens wird wahrscheinlich ohne ärztliche Kontrolle gedopt) möchte ich mir gar nicht vorstellen, wobei sich mein Mitleid mit diesen Idioten in Grenzen hält

  2. Sports.Punk

    Interessanter Artikel und Kommentare!

    Zu dem Thema „welche Leiden sie sich für das spätere Leben einfangen“ wie Manfred Stangl sagt, habe ich ein interessantes Buch einer ehemaligen DDR-Sportlerin beschrieben: http://www.sportspunk.de/2015/04/13/doping/

    Da sieht man dann auch das die Sportler nicht immer die „Idioten“ sind. Naja, zumindest kann man das im Profibereich so sagen. Im Amateurbereich sieht das sicherlich anders aus.

  3. Frank Bauer

    Hallo Jürgen,

    hat man denn da überhaupt im Amateursport Chancen, etwas zu erreichen, wenn man nur mit erlaubten Mitteln arbeitet? Es ist ja mittlerweile sehr einfach Mittel im Internet zu beziehen.

    Ich muss sagen, mich schrecken schon die möglichen Gefahren und Nebenwirkungen ab. Aber es scheint Sportler zu geben, denen das auf kurze Sicht egal ist.

    Aber ist es nicht so, dass Doping, ob nun als Epo oder Anabolika, nur einen geringen Teil auf die gesamte Leistung ausmacht? Ein gut trainierter kann dadurch vielleicht nochmal 5% rausholen, aber eine schlechten oder mittelmäßigen Fahrer macht es doch nicht zu einem Spitzenfahrer. Wo bei man auch sehen kann, das zwischen Sieg und Niederlage manchmal nur Sekunden oder Minuten sind..

    Gruss

    Frank

    • Jürgen Pansy

      Ist die Frage was man mit unter „etwas erreichen“ versteht. Ich kenne den mehrfachen Amateurweltmeister Igor Kopse sehr gut und er ist zu 100% clean. In Österreich kann man mit (meinen) ~5W/kg Schwellenleistung ordentlich Spass haben und auch Rennen gewinnen und dafür braucht man nicht zu dopen (entsprechende Genetik vorausgesetzt). Und ich bin bei Gott nicht sonderlich talentiert. Da gibt es viele, die wesentlich mehr Talent bzw. bessere Gene haben und dadurch auch mehr Potential.

      Die Leistungssteigerung, die allein über EPO zu erreichen ist, ist schon beachtlich. Ich hab’s versucht hier (http://jpansy.at/2012/10/25/was-ware-wenn/) zu errechnen. Es ist natürlich leichter aus einem Rennpferd ein Siegpferd zu machen als aus einem alten Gaul, aber nimmst du z.B. einen starken Sprinter her, der eine schwache Ausdauer hat, dann reicht das unter Umständen aus um ihn im Hauptfeld bis zur Ziellinie zu bringen und dort einen Sieg nach dem anderen herauszufahren. Also massiv bessere Resultate obwohl die reine Leistungsfähigkeit gar nicht so stark gestiegen ist.

  4. Hugo

    Sie sprechen sich gegen Doping aus, starten dann aber für das „ESR Racing by Bernhard Kohl“ Team,
    ist das für Sie kein Widerspruch?

    • Jürgen Pansy

      Nach aussen mag es so scheinen, ich bin allerdings schon davor für das Team gefahren bevor der Sponsor hinzu kam. Die Bernhard Kohl Radsport GmbH ist das größte Radgeschäft Österreichs. Der Name steht – zumindest im Großraum Wien – nicht mehr nur für den Doping gefallenen Sportler. Ich habe kein Problem damit dazu beizutragen, dass sich das auch in anderen Teilen Österreichs (bzw. Deutschlands) ändert. Er hat seine Strafe erhalten, ist sie abgesessen und hat begonnen sich ein Leben danach aufzubauen. Das respektiere ich und versuche mich hier nicht über unser Rechtssystem hinweg in lebenslanger Verachtung zu üben.

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